Wenn selbst Wasser bergauf muss
100’000 Menschen feiern jedes Jahr auf dem Berner Hausberg. Damit das Festival sicher über die Bühne geht, braucht es hinter den Kulissen eine Organisation, die kaum jemand wahrnimmt – und eine Löschwasserversorgung, die alles andere als selbstverständlich ist.
Sicherheit am Gurtenfestival beginnt lange vor dem ersten Konzert: Fluchtwege, Notfallszenarien und Brandschutzmassnahmen werden bereits Monate im Voraus geplant.
Was kaum jemand weiss: Für den Ernstfall stehen auf dem Berner Hausberg 200’000 Liter Wasser fürs Löschen von Bränden bereit.
Der Löschwasserbedarf verändert sich: Moderne Technik ermöglicht heute wirksame Brandbekämpfung mit weniger Wasser.
Während vier Tagen wird der Gurten zum Treffpunkt für 100’000 Festivalgänger:innen aus der ganzen Schweiz. Auf den verschiedenen Bühnen läuft von Mittag bis tief in die Nacht Musik, Menschen tanzen, feiern, essen und geniessen die besondere Atmosphäre auf dem Berner Hausberg. Damit die Besuchenden das unbeschwert tun können, arbeiten im Hintergrund zahlreiche Stellen Hand in Hand.
«Es ist viel Konzeptarbeit und eine riesige Verantwortung», sagt Freddy Balsiger, Sicherheitsbeauftragter des Gurtenfestivals. Gleichzeitig sei Sicherheit keine One-Man-Show. Security, Sanität, Feuerwehr und zahlreiche weitere Stellen arbeiten eng zusammen, damit das Festival reibungslos und sicher über die Bühne geht.
Sicherheit beginnt lange vor dem ersten Konzert
Die Sicherheitsplanung beginnt bereits Monate vor Festivalstart. Fluchtwege werden definiert, Zufahrten überprüft und mögliche Risiken analysiert. Auch beim Brandschutz gelten strenge Vorgaben. «Sämtliche gasbetriebenen Geräte werden kontrolliert. Was die vorgeschriebenen Prüfungen nicht besteht, darf nicht auf den Berg hinauf – ohne Ausnahme», sagt Balsiger. Foodstände müssen zudem über Feuerlöscher verfügen, im Helfer*innen-Camp ist das Kochen untersagt.
Der Aufwand ist beträchtlich. Das Sicherheitskonzept des Gurtenfestivals umfasst laut Balsiger mittlerweile 69 Seiten, ohne Anhänge sowie die zusätzlichen Konzepte von Feuerwehr, Sanität und Security. Das Sicherheitskonzept wird laufend weiterentwickelt. So wurden in diesem Jahr zusätzliche Notausgänge realisiert und die entsprechende Kennzeichnung weiter ausgebaut.
Auch wenn das Festival unter freiem Himmel stattfindet, bedeutet das nicht automatisch weniger Risiko. Auf dem Gelände treffen täglich über 25’000 Menschen, elektrische Anlagen, Kücheninfrastruktur, temporäre Bauten und Waldflächen aufeinander. Entsprechend wichtig sind Brandschutzmassnahmen – sie bilden jedoch nur einen Teil des Sicherheitskonzepts. Ebenso wichtig ist die Lenkung der Besuchenden. Wege, Zugänge und Aufenthaltsbereiche werden so geplant, dass sich Menschenmengen möglichst gut verteilen können.
Feuerwehr bereits vor Ort
Ebenfalls eine zentrale Rolle im Sicherheitskonzept spielt die Feuerwehr. Ab einer Grösse von 10’000 Personen muss bei Veranstaltungen eine Feuerwehr direkt vor Ort stationiert sein. Während des Gurtenfestivals ist die Feuerwehr der Gemeinde Köniz, auf dessen Gebiet das Festival stattfindet, mit einem Ersteinsatzelement präsent. «Beim Güsche können wir nicht einfach wie bei einem normalen Einsatz ausrücken», erklärt Feuerwehrkommandant Marco Streiff. Die Zufahrtswege auf den Berner Hausberg seien begrenzt, und bei grossen Menschenmengen zähle jede Minute. Deshalb stehen Feuerwehrleute, Einsatzleitung, Atemschutzgeräteträger und ein Tanklöschfahrzeug bereits vor Ort bereit.
Dank der zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen kommt die Feuerwehr aber oft gar nicht erst zum Einsatz. Die Betreibenden der Foodstände sind alle geschult, zudem stehen auf dem gesamten Gelände Feuerlöscher bereit. Kleinere Brände können deshalb häufig bereits vor Ort gelöscht werden. Reicht dies nicht aus, übernimmt die Feuerwehr.
In den vergangenen Jahren musste die Feuerwehr Köniz zwar verschiedentlich ausrücken, allerdings nur für kleinere Ereignisse. Ein kleiner Brand bei einem Foodstand, ein fehlgeleitetes Feuerwerk oder ein überhitztes Elektrogerät – für mehr als vier Jahrzehnte Festivalgeschichte ist die Liste überschaubar. Für Balsiger ist das kein Zufall: «Wir sind streng und vorsichtig, wenn es um Sicherheit geht.»
Die besondere Herausforderung: Löschwasser auf dem Berg
Eine der grössten Herausforderung für die Feuerwehr ergibt sich aus der Lage des Festivals. Anders als in einem Wohnquartier gibt es auf dem Gurten kein Hydrantennetz. Damit im Ernstfall dennoch genügend Löschwasser zur Verfügung steht, wurde über die Jahre eine massgeschneiderte Lösung geschaffen.
Herzstück ist ein Löschwassersilo mit rund 200'000 Litern Wasser, das sich unter einem grossen Kiesplatz befindet. Reicht das nicht aus, wird das festivaleigene Wasserleitungsnetz, das die Besuchenden mit Trinkwasser versorgt und für die WC genutzt wird, und das unterirdische Trinkwasserreservoir der Gemeinde Köniz genutzt.
Sollte auch dies nicht ausreichen, gibt es weitere Möglichkeiten. Laut Streiff kann zusätzlich Wasser vom letzten Hydranten in Kehrsatz auf den Gurten gefördert werden. Zudem können mobile Wassertransportfahrzeuge aufgeboten werden, um zusätzliches Löschwasser auf den Berg zu bringen.
Dass all diese Vorkehrungen notwendig sind, hat einen einfachen Grund: Bei einem Brand zählt jede Minute. Die Löschwasserversorgung muss deshalb sichergestellt sein, lange bevor überhaupt ein Notfall eintritt.
Hydranten
In Siedlungsgebieten stellen Hydranten die häufigste Form der Löschwasserversorgung dar. Im Kanton Bern gibt es rund 58’000 davon.
Löschwassertanks
Wo kein Hydrantennetz vorhanden ist, kommen unterirdische Löschwassertanks oder Wasserreservoire zum Einsatz.
Mobile Lösungen
Moderne Tanklöschfahrzeuge bringen Wasser direkt zum Einsatzort und können weitere Wassertransporte koordinieren.
Wie sich die Löschwasserversorgung verändert
Die Frage, wie genügend Löschwasser bereitgestellt werden kann, beschäftigt nicht nur das Gurtenfestival. Im gesamten Kanton Bern wird die Löschwasserversorgung weiterentwickelt.
Christian Stach, Verantwortlicher für das Thema Löschwasserversorgung bei der Gebäudeversicherung Bern (GVB), erklärt, dass Feuerwehren heute dank moderner Technik deutlich effizienter löschen als früher. Dadurch wird häufig weniger Löschwasser benötigt als noch vor einigen Jahrzehnten. Moderne Tanklöschfahrzeuge bringen zudem bereits Wasser mit zum Einsatz.
Die GVB unterstützt die Gemeinden bei der Löschwasserversorgung und berät sie bei zukunftsfähigen Lösungen. Ziel ist es, für jede Situation eine effiziente Lösung zu finden.
Vorbereitung statt Reaktion
Dass es am Gurtenfestival bisher zu keinem grösseren Brandereignis gekommen ist, führen die Verantwortlichen nicht auf Zufall zurück. Dahinter stecken viel Planung, Ausbildung und Prävention.
Im Zentrum steht dabei immer dasselbe Ziel: Risiken möglichst früh zu erkennen und ihre Auswirkungen zu minimieren. Die meisten Besuchenden werden davon kaum etwas mitbekommen.
«Die Organisatoren versuchen, dass ein Event wie das Gurtenfestival so sicher wie möglich ist», fasst Balsiger zusammen. «Mitmachen müssen aber alle.» Die Feuerwehr. Die Security. Die Crew. Und letztlich auch die Besuchenden selbst.
- Wo befinden sich die Notausgänge? Schauen Sie sich nach den grünen Schildern um.
- Entdecken Sie Rauch oder Flammen, warnen Sie Menschen in Ihrer Umgebung und verlassen Sie die Gefahrenzone rasch über den signalisierten Fluchtweg.
- Melden Sie den Vorfall umgehend dem Personal vor Ort oder der Security. Sobald Sie ausserhalb der Gefahrenzone sind, alarmieren Sie zusätzlich die Feuerwehr über die Notrufnummer 118.