Menschen der GVB: Michael Sigel
Wenn Michael Sigel abhebt, sieht er die Welt aus einer Perspektive, die nur wenige kennen. In der Luft entscheidet oft nur ein Blick auf Wind, Wolken und Gelände. Genau diese Fähigkeit nutzt er auch bei der GVB: Als Fachspezialist Naturgefahren erkennt der Gleitschirmweltmeister Risiken, bevor sie Schäden anrichten.
Michael Sigel ist Gleitschirmweltmeister und Fachspezialist Naturgefahren bei der Gebäudeversicherung Bern (GVB).
Bei der GVB beurteilt er Naturgefahren und hilft, Gebäude besser zu schützen.
Sein Geografie-Know-how hilft ihm, Risiken früh zu erkennen, im Job und beim Fliegen.
Jetzt reinhören: Michael Sigel im Gespräch
Der Gleitschirmweltmeister spricht über die Faszination seines Sports, über Risiken in der Luft und über seine Arbeit als Fachspezialist Naturgefahren bei der GVB. Auch erzählt er, warum so viele Tourist:innen in Interlaken einen Tandemflug wagen.
Das Gespräch in Kürze
Sie haben keine Zeit, sich das Interview mit Michael Sigel anzuhören? Die wichtigsten Fragen und Antworten finden Sie in gekürzter Form hier.
Michael Sigel, Sie sind ein leidenschaftlicher Gleitschirmflieger. Was ist das Faszinierendste an diesem Sport?
Das Gefühl der Freiheit. Man kann irgendwo hinauflaufen und wie ein Vogel herunterfliegen und die Landschaft geniessen. Das fasziniert mich am meisten.
Wie gefährlich ist Gleitschirmfliegen?
Es ist leider gefährlich. Ich glaube, man darf das nicht unter den Teppich kehren, denn man fliegt meistens mehrere Hundert Meter über dem Boden. Es gibt zwar einen Notschirm, doch wer runterfällt, kann sich tödlich verletzen.
Sie sind ein sehr erfahrener Gleitschirmflieger und haben es bis an die Spitze geschafft: 2017 sind Sie Weltmeister geworden. Was war das für ein Gefühl?
Darauf habe ich jahrelang hingearbeitet. Meine Eltern hatten eine Flugschule – ich konnte meine Idole also von klein auf bewundern. Das Ziel, Weltmeister zu werden, hatte ich mir schon früh gesteckt. Als ich es schliesslich erreichte, war es ein unglaublich schönes Gefühl.
Wann sind Sie zum ersten Mal mit dem Gleitschirm geflogen?
Mein Vater hat mich zum ersten Mal mitgenommen, als ich acht Wochen alt war. Er war wohl einfach zu bequem, mich vom Startplatz runterzutragen, und schnallte mich in der Babytrage an seine Brust. Richtig angefangen habe ich mit 15 Jahren. Das nahm mir dann so richtig den Ärmel rein, und ich habe in jeder freien Minute trainiert.
Neben dem Gleitschirmfliegen klettern Sie und machen Berg- und Splitboardtouren. Auch bei Ihrer Arbeit spielt die Natur eine wichtige Rolle: Sie sind bei der GVB Fachspezialist Naturgefahren. Was sind Ihre Hauptaufgaben?
Ich berate Kund:innen, die Fragen zu den Naturgefahren haben, zum Beispiel, wenn sie Angst vor einer Überschwemmung haben. Oft bin ich vor Ort, mache Einschätzungen, spreche Gelder und schaue auch, wo für die GVB grosse finanzielle Risiken bestehen. Dann suche ich das Gespräch mit den Verantwortlichen, damit wir gemeinsam prüfen können, wie wir die Gebäude noch besser schützen können.
Können Sie ein konkretes Beispiel anführen?
Als sogenannte Grossrisiken gelten unter anderem Spitäler, Banken und Einkaufszentren, aber auch verarbeitende Industrien, deren Gebäude einen sehr hohen Versicherungswert haben. Im schlimmsten Fall kommt es zu einem Betriebsausfall, beispielsweise wenn Wasser hineinfliesst und Heizung und Elektroinstallationen kaputtgehen. Die Reparaturkosten sind hoch, und das Gebäude ist für mehrere Wochen ausser Betrieb.
Was gefällt Ihnen im Job ganz besonders?
Die Vielfalt meiner Aufgaben. Und: Je mehr Geld wir für die Prävention ausgeben, desto mehr sparen wir in der Zukunft.
Gibt es auch etwas, das Ihnen nicht so gut gefällt?
Manchmal ist es schade, wenn wir Menschen nicht so unterstützen können, wie sie es gerne hätten. Insbesondere Hauseigentümer:innen haben oft eine fixe Idee, wie sie ihr Haus schützen wollen. Das ist manchmal nicht die beste und auch nicht die kostengünstigste Variante. Dies plausibel zu erklären und eine andere Lösung anzubieten, braucht Vermittlungsgeschick.
Bei der GVB arbeiten Sie 70 Prozent, in den übrigen 30 Prozent bieten Sie in Interlaken Gleitschirmtandemflüge an. Das heisst, man kann mit Ihnen mitfliegen. Wer sucht dieses Risiko?
Vor allem Tourist:innen. Einige wollen den Adrenalinkick, andere möchten Interlaken aus einer ganz anderen Perspektive sehen. Weitere kommen aus dem asiatischen Raum und haben die Serie «Crash Landing on You» gesehen. Darin kommt Gleitschirmfliegen vor, und deshalb wollen sie das selbst auch ausprobieren.
Das gehört zum Programm.
Ja. Ob sie wirklich Freude haben oder nicht, sei dahingestellt. Vor allem Paare buchen Tandemflüge. Meistens ist es die Frau oder die Verlobte, die das unbedingt machen will, weil es in der Serie vorkommt. Der Mann macht widerwillig mit und hat meistens Angst.
Von Haus aus sind Sie Geograf. Was haben Sie im Studium der Geografie über die Natur gelernt?
Sehr viel. Das Geografiestudium an der Universität Bern ist breit gefächert: von der Kultur- und Sozialgeografie bis hin zu Hydrologie, Klimatologie und Meteorologie. Ich habe viel über die Prozesse in der Natur und der Umwelt gelernt. Die Welt ist komplex, und wenn man an einer Stelle etwas verändert, hat das anderswo einen Einfluss. Diese Einsicht könnte vielleicht auch Politiker:innen helfen, umfassende Lösungen zu suchen.