Ein neues Haus aus alten Teilen
Statt neu bauen ein 200-jähriges Bauernhaus renovieren: Sandra Haunreiter und Bänz Lüthi haben in Milken Geschichte bewahrt. Dies mit viel Eigenleistung, Secondhand-Materialien und einem klaren Bekenntnis zur Kreislaufwirtschaft. Zehn Jahre lang, Schritt für Schritt.
Sandra Haunreiter und Bänz Lüthi haben in Milken ein 200 Jahre altes Bauernhaus über zehn Jahre hinweg in Eigenregie renoviert.
Dabei setzten sie konsequent auf Kreislaufwirtschaft: Vorhandenes wurde weiterverwendet oder an anderer Stelle neu eingesetzt, Fehlendes gebraucht gekauft.
Der Umbau verlangte viel Ausdauer und Flexibilität – und zeigt, wie nachhaltiges Renovieren in der Praxis gelingen kann.
Der Wohnteil des Hauses befindet sich auf der Nordseite, der Wald wirft im Winter lange Schatten. Es ist ein einfaches Bauernhaus im typischen Baustil des Schwarzenburgerlands vor 200 Jahren. Im Eingangsbereich hängt ein Bild aus dem Jahr 1928. Es zeigt die Bauernfamilie, die damals mit sechs Kindern in zwei Zimmern lebte. Das Vieh war ihr Kapital. Für Lage und Komfort blieb kein Spielraum.
Heute ist das Haus komplett renoviert und der Wohnraum deutlich vergrössert. Wer genau hinschaut, findet aber überall noch die Spuren vergangener Zeiten. «Ein altes Haus hat einfach mehr Seele und schon vieles erlebt. Das ist ein anderer Charme als bei einem Neubau», sagt Bänz Lüthi. Er und seine Frau Sandra Haunreiter haben das Haus bewahrt. Und dabei doch fast alles auf den Kopf gestellt.
Vom Spaziergang zum Eigenheim
Das Paar lebt seit 2005 in Milken. Damals wohnten sie in einem Haus zur Miete. Auf ihren Spaziergängen kamen sie immer wieder an diesem Bauernhaus vorbei. «Eines Tages stellten wir fest, dass das Haus nicht mehr bewohnt ist, und wir dachten, das könnte unsere Chance sein, da wir schon länger ein Häuschen suchten», erzählt Sandra Haunreiter.
Über das Grundbuchamt machten sie die Erbengemeinschaft ausfindig und riefen an. Diese hatte bereits Interessent:innen, doch es war ihr wichtig, dass die neuen Eigentümer:innen die Dorfbevölkerung kennen. So bekamen die beiden im Jahr 2008 den Zuschlag für ihr erstes Eigenheim, mit dem sie grosse Pläne hatten: Sie wollten es selbst renovieren und ausbauen.
Eine Besonderheit: Das Haus befindet sich in der Landwirtschaftszone und unterstand dem bäuerlichen Bodenrecht. Da dreieinhalb Hektar Land zu klein für ein landwirtschaftliches Existenzminimum sind, war die Abparzellierung die Lösung. Diese ging unkompliziert vonstatten. Die Kosten dafür sowie für die neuen Marksteine trugen Sandra Haunreiter und Bänz Lüthi.
Nachhaltig renovieren und umbauen: ein bewusster Entscheid
Dass sie beim Kauf ihres Hauses in ein solches Projekt einstiegen, haben sie sich gut überlegt. «Es war uns wichtig, etwas Eigenes zu haben, wo wir uns entfalten können», sagt Sandra Haunreiter. Und ergänzt: «Da unsere finanziellen Ressourcen begrenzt waren, war es für uns klar, dass wir möglichst viel selbst machen wollten.» Das Haus passte zu ihren Mitteln. Und zu ihrer Haltung.
Sandra Haunreiter ist ausgebildete Natur- und Umweltfachfrau. Ressourcenschonend zu renovieren, war und ist für sie das A und O. «Sandra und mir war es wichtig, zu verwenden, was da ist. Und wenn wir Neues kauften, dann sollte es nachhaltig sein», sagt Bänz Lüthi. Abriss oder Neubau kamen deshalb nie infrage. «Der Bestand hat seinen Wert; ihn wegzuwerfen, wäre falsch gewesen», so Sandra Haunreiter. Als gelernter Zimmermann brachte ihr Mann das handwerkliche Rüstzeug mit. «Entweder du hast viel Geld, oder du hast einen guten Handwerker», lacht Sandra Haunreiter.
Wohnen zwischen Baustelle und Vision
Nach dem Kauf führten sie die ersten groben Arbeiten aus. Die Küche aus den 1960er-Jahren ersetzten sie mit einer provisorischen Küche; sie strichen Wände, schliffen Böden und zogen mit ihrem kleinen Sohn im April 2008 ein.
Anschliessend begann der lange Weg. Zuerst kam die Kläranlage. Das Haus war nicht ans öffentliche Netz angeschlossen, und eine eigene Anlage war günstiger als der Anschluss. Danach folgte ein neues Dach. Dann Fassade für Fassade, Zimmer für Zimmer. Währenddessen zogen sie im Haus immer wieder um. Die Kinder – mittlerweile hatten sie zwei – teilten lange ein Zimmer. Ein Jahr lang gelangten sie nur über eine Leiter in den oberen Stock. «So aufzuwachsen, hat unseren Kindern einiges an Toleranz und Durchhaltewillen abverlangt», erzählt Sandra Haunreiter und ergänzt: «Sie haben es super gemacht.» Es war aber auch ein grosses Abenteuer. Als es noch nicht überall Licht hatte, war die Familie im Dunkeln mit Stirnlampen unterwegs. Vor dem Haus richteten sie ein provisorisches Bad mit Dusche, WC, Waschmaschine und Boiler ein. «Endlich wieder eine Toilette im Haus zu haben, war purer Luxus», erinnert sich Bänz Lüthi.
Gut planen, flexibel bleiben und viel Learning by Doing
Doch manchmal machte ihnen das Haus auch einen Strich durch die Rechnung. Zum Beispiel beim Bodenaufbau im Erdgeschoss. Die Idee war: Platten herausspitzen, aufdämmen, neuer Überzug, fertig. Es kam anders. Am Ende trugen sie 28 Kubikmeter Schutt heraus und bauten den Boden von Grund auf neu auf. Aus Kostengründen dämmten sie den Boden mit Styropor statt mit Kork – ein Kompromiss. «Man sieht eben nicht hinter die ‹Fassade› eines so alten Gebäudes», erzählt Bänz Lüthi. Da hilft nur, flexibel zu bleiben und sich anzupassen.
Wie kann man sich aber einen ressourcenschonenden und nachhaltigen Umbau konkret vorstellen? Dazu hat das Paar einerseits vorhandenes Material zweckentfremdet und an einer anderen Stelle wieder verbaut. Zum Beispiel: Aus Teilen alter Schiebeböden von der Decke im Erdgeschoss ist die Verschalung der Kochinsel entstanden. Ein befreundeter Spengler hat ein altes rostiges Wellblech plattgewalzt und zur Wandverkleidung hinter dem WC umfunktioniert. Das Wandtäfer haben sie teils gebürstet, teils mit neuen Elementen ergänzt. Neues Holz bezogen sie aus der Region. Bei der Dämmung gingen sie einen Kompromiss ein und setzten auf einen Mix aus Schafwolle und Holzfaser.
Zudem setzten sie oft auf Secondhand-Material. Auf Tutti ergatterten sie eine komplette Küche mit V-Zug-Geräten, also Kombisteamer, Backofen, Kühlschrank und Geschirrspüler, zu einem unschlagbaren Preis. Ursprünglich war es eine Eckküche, sie bauten daraus eine Kücheninsel mit Kochzeile. Unterschränke, die von den Massen her nicht passten, zimmerte Bänz Lüthi kurzerhand selbst. Fenster fürs Obergeschoss kauften sie auf Ricardo und machten die Wandöffnungen danach passend. Ebenfalls auf Ricardo fanden sie ein Lavabo sowie hochwertigen Parkett aus einem Liquidationsrestposten.
Balanceakt zwischen Arbeit und Umbau
Trotzdem gab es Momente, in denen Bänz Lüthi, wie er sagt, den Gipfel nicht mehr gesehen habe, weil sich die Arbeiten verzögert hätten und kein Ende in Sicht gewesen sei. Man darf nicht vergessen, dass die beiden das Haus in ihrer Freizeit renoviert haben. Bänz Lüthi arbeitete 80 Prozent, und Sandra Haunreiter war lange als Tagesmutter eingespannt. Neben den Arbeiten am Haus gab es auch draussen immer viel zu tun, wie Heuen im Sommer und Holzschlagen im Winter. Sie haben sich aber auch Pausen gegönnt. «Mal haben wir 150 Prozent gegeben, danach haben wir ein paar Monate gar nichts am Haus gemacht», so Bänz Lüthi. Natürlich halfen auch Freunde, und gewisse Arbeiten wie das Dach und die Elektrik haben sie zusammen mit Fachpersonen gemacht.
In Etappen denken: Zwischenziele helfen, wenn der Berg zu gross wirkt.
Flexibel bleiben: Alte Häuser verlangen Anpassungen und Demut.
Nicht auf Perfektion warten: Lernen passiert beim Tun.
Altes Haus mit neuer Seele
«Heute ist alles gemacht, was wir die nächsten 30 bis 100 Jahre nicht mehr anfassen wollen», lacht Bänz Lüthi. Rückblickend sagt er: «Learning by Doing war Programm.» Wenn er doch den Gipfel aus dem Blick verloren hatte, besann er sich auf Zwischenziele. Diese sind immens wichtig. Wenn sie an einer Wand einen Fehler gemacht hatten, hatten sie drei Wände, an denen sie es anders machen konnten. «Eine vermurkste Ecke weckt Erinnerungen, und man hat einfach mehr Freude am Haus», sagt er. Und das sei das Schöne am Selberrenovieren: Es mache das Haus persönlicher.
Geblieben ist die Geschichte eines einfachen Bauernhauses mit zwei bewohnten Zimmern. Sandra Haunreiter und Bänz Lüthi haben diese Geschichte weitergeschrieben und dem Haus eine eigene, neue Seele verliehen. Dies mit einem doppelt so grossen Wohnraum und offenen Räumen. «Für uns war dieses Haus genau das Richtige», sagen die beiden unisono. Auch wenn sie ein solches Projekt wieder realisieren würden, sind sie froh, nun endlich schön wohnen zu können.
Experte für Kreislaufwirtschaft im Interview
Manuel Herzog ist Plattenleger und Maurer Hochbau. Er hat die Vorarbeiterschule absolviert und das CAS Sustainable Management an der HSLU abgeschlossen. Heute ist er Geschäftsführer der Bauteilbörse Basel und von useagain.ch, der grössten Plattform für gebrauchte Bauteile in der Schweiz.
Manuel Herzog, stimmt es, dass das Angebot von gebrauchten Bauteilen die Nachfrage bei Weitem übersteigt?
Das ist richtig. Echte Kreislaufwirtschaft funktioniert nur, wenn Angebot und Nachfrage sich ausgleichen. Da braucht es noch viel Überzeugungsarbeit. Denn viele Menschen sind der Meinung, neue Bauteile seien besser als gebrauchte. Das stimmt so nicht.
Warum nicht?
Nehmen wir zum Beispiel ein WC. Bei uns gibt es ein Marken-WC für 70 Franken, das hygienisch absolut einwandfrei ist und noch 30 Jahre gebraucht werden kann. Zum Vergleich: In einer Baumarktkette bezahlen Sie für ein neues WC schnell dreimal so viel.
Ein Knackpunkt ist also das Mindset der Käufer:innen. Wo bekommen Sie das in Ihrem Arbeitsalltag zu spüren?
Wenn wir Angebote für Bauteile erhalten, dann fragen wir nach: Würden Sie auch bei uns einkaufen und gebrauchte Bauteile einbauen? Die Antwort lautet oft: Ja gerne, aber nicht jetzt. Vielleicht beim nächsten Projekt.
Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass etliche Bauteilbörsen in der Schweiz nicht überleben konnten.
Ja, das ist so. Deshalb ist es zentral, dass die Bauteilbörsen untereinander vernetzt sind. Ein wichtiges Instrument dafür ist unsere Plattform useagain.ch, auf die auch die Anbieter aus Winterthur und Freiburg sowie die Stiftung Chance ihre Angebote hochladen.
Wenn ich einen neuen Backofen kaufe, habe ich eine Garantie von zwei Jahren. Wie sieht das bei einem Secondhand-Backofen aus?
Bei Elektrogeräten wie einem Backofen geben wir ein halbes Jahr Garantie. Für alles andere gibt die Bauteilbörse Basel keine Garantien. Doch bei einem Defekt sind wir stets offen für einen Umtausch. Was ich allerdings betonen möchte: Produktgarantie wird überschätzt. Denn Produktschäden – auch bei gebrauchten Bauteilen – sind selten. Die meisten Fehler passieren bei der Planung und auf der Baustelle.
Wird es künftig möglich sein, dass sich Kreislaufwirtschaft auch finanziell lohnt?
Ja, daran glaube ich. Dank technologischem Fortschritt werden wir irgendwann CO₂-neutral produzieren können. Doch bei der Kreislaufwirtschaft ist für mich der Kampf um die Rohstoffe genauso ein Thema wie das CO₂. Europa hat wenig Rohstoffe: Wenn die Rohstoffe knapper werden, steigen die Preise. Daher wird die Wiederverwendung auch lukrativer.